Eiertanz um eine Förder-Pleite
Buna-Klubhaus sollte zur Disco werden - Dann stoppte Land den Zuschuss - Nun wird gestritten
von VON SILVIA ZÖLLER, 25.01.09, 19:06h, aktualisiert 25.01.09, 19:09h

Der Umbau des Buna-Klubhauses zu einer Großdisco ist gescheitert. Eine neue Verwendung für das Gebäude steht in den Sternen. (FOTO: PETER WÖLK)
HALLE/MZ. Auch nach etlichen Zeugenaussagen in dem Prozess um den möglichen Millionen-Betrug beim Ausbau des Großprojektes X50 in Schkopau (Saalekreis) sind viele Fragen offen. Hat Martin Niemöller, der in Halle unter anderem die "Easy Schorre" betrieben hat, das Land Sachsen-Anhalt bei seinen Förderanträgen betrogen? "Ob es dazu immer geschriebene Regeln gab, kann ich nicht sagen. Wohl eher nein", sagte der frühere Staatssekretär und jetzige Leiter der Investitionsbank Sachsen-Anhalt, Manfred Maaß, in dem Prozess vor dem Landgericht Halle.
Fest steht jedenfalls, dass sich der Wind für Niemöller im Laufe der Zeit gedreht hat. 2001, zu Zeiten der SPD-Minderheitsregierung, konnte Niemöller Maaß, damals Staatssekretär mit FDP-Parteibuch, von seinem Vorhaben für das frühere Buna-Klubhaus begeistern. Und mit ihm SPD-Wirtschaftsministerin Katrin Budde.
Am 1. März 2002 erhielt Niemöller einen Förderbescheid über 9,5 Millionen Euro für das Gesamtprojekt, das mit 20 Millionen Euro veranschlagt war: Auf rund 13 000 Quadratmetern Fläche sollten neben einer Großbühne Tanzsäle, Bars, sogenannte Flirt-Terminals, Bowling-Bahnen und Restaurants entstehen. Auftritte mit Superstars der Kategorie Carlos Santana oder Joe Cocker waren geplant. Jährlich eine Million Besucher sollten sich dort vergnügen, neben 40 Festangestellten auch 100 Teilzeitkräfte einen Job finden. Niemöller schwärmte damals: "Sowas gibt es nicht in Paris und auch nicht in New York."
Doch als schon 12,8 Millionen in Schkopau verbaut waren, stockten die Arbeiten: "Wir hatten Finanzierungsprobleme, aber nun geht es weiter", sagte Niemöller im Juli 2004 - und sollte sich irren. Weltweit war er auf der Suche nach Geldgebern gewesen, da er Eigenmittel für das Projekt auftreiben musste. Unterdessen rumorte es jedoch schon heftig hinter den Kulissen. Andere Discothekenbetreiber befürchteten, dass ihnen die Kunden ausbleiben. Und sie legten den Finger in die Wunde: In Schkopau werde am Markt vorbei investiert - im rückläufigen Gastromoniegeschäft gehe der Trend eher zum kleinen Club als zur Großdisco.
Der damalige Landrat Tilo Heuer (SPD) musste sich indes den Vorwurf der Vetternwirtschaft gefallen lassen. Sein Bruder Joachim, der seit 2002 Schwiegervater von Martin Niemöller ist, war als Architekt für das Projekt X50 beauftragt. Er sitzt nun neben Niemöller auf der Anklagebank. Ihm wird Beihilfe zum Betrug vorgeworfen. Betriebsleiter der geplanten Großdisco sollte Matthias Heuer werden, der Sohn des Landrats. Und einen Kredit für das X50 gewährte die Kreissparkasse Merseburg-Querfurt - deren Verwaltungsratschef war damals Tilo Heuer.
In einem MZ-Beitrag räumte Landrat Heuer später ein, mit der damaligen Wirtschaftsministerin Katrin Budde (SPD) über das Projekt X50 gesprochenzu haben. "Das warganz normal, ich habe mit ihr über viele Investitionsvorhaben geredet", sagte Heuer im August 2004. Er habe sich aber aus allen Entscheidungen herausgehalten, auch bei der Entscheidung über den Kredit. Offiziell drehte das Wirtschaftsministerium dann im August 2004 den Geldhahn für Niemöller und das Projekt X50 zu. Denn in Berichten der "Mitteldeutschen Zeitung" sei das Vorhaben als "Großdisco" bezeichnet worden. Und das sei - anders als das ursprünglich geplante "multikulturelle Veranstaltungszentrum" - nicht förderfähig, hieß es. Tatsächlich war bereits in Berichten im Jahr 2003 von einer geplanten "Mega-Disco" die Rede gewesen.
Suche nach Förder-Projekten
Unter der Hand hatte ein Ministeriumsmitarbeiter damals eingeräumt: "Wir beurteilen eine Zusage aus dem Jahr 2002 mit dem Blick von 2004." Damals sei es politischer Wille gewesen, förderfähige Projekte zu finden. Warum, erläuterte Wirtschaftsminister Horst Rehberger (FDP) im August 2004: "Nachdem man in Magdeburg zwischen 1994 und 1999 400 Millionen Euro Fördermittel unverbraucht an den Bund zurückgegeben hatte, wehte anschließend ein ganz anderer Wind." Auch wenn Rehberger seit 2002 zuständig war, wies er jede Verantwortung von sich: Er habe erst vier Monate nach der Bewilligung von dem Projekt X50 Kenntnis erhalten.
Und auch seine Vorgängerin Katrin Budde fühlte sich für die umstrittene Fördermittelvergabe nicht verantwortlich. Unter ihrer Regie sei es lediglich zu einer Vorprüfung des Projektes gekommen, erst nach dem Regierungswechsel 2002 - CDU und FDP vereinbarten eine Koalition - sei eine abschließende Prüfung des Projektes erfolgt. Für Martin Niemöller, gegen den im November 2005 ein Insolvenzverfahren eröffnet wurde, war damals klar: "Der Förderstopp war ein rein politisches Manöver."
Wie sein Schwiegervater betont Niemöller, niemals Betrug im Sinn gehabt zu haben. "Ich bin immer auf der Suche nach etwas Außergewöhnlichem gewesen", sagte er im Prozess. Der 55-jährige gebürtige Bad Godesberger hatte sein Disco-Imperium von Rügen aus nach Mitteldeutschland ausgedehnt, wo er neben der Easy Schorre in Halle das Kartoffelhaus, den "Genschman" und den "Krug zum Grünen Kranze" sowie in Leipzig das Haus Auensee betrieben hat. Nie habe er staatliche Zuschüsse in Anspruch genommen, so Niemöller.
Idee vom Finanzberater
Auf Idee mit dem Geld vom Land für das Projekt X50 habe ihn erst ein Finanzberater aus Pöcking am Starnberger See gebracht. "Er war ein ruhiger, umsichtiger, erfahrener Finanzexperte", beschrieb Niemöller den Mann, den er in Schkopau kennen gelernt hatte. Der Mann aus Süddeutschland hatte dort beim Ausbau des Schloßhotels beraten. Erfolgreich, wie der dortige Geschäftsführer, Kai-Uwe Sauske betont: "Er hat unser Haus seriös bei der Finanzierung beraten." Der Berater soll auch Gespräche mit der Landesregierung und der Stadt Schkopau geführt haben.
Allerdings: Weder der ehemalige Staatssekretär Maaß noch Schkopaus Bürgermeister Detlev Albrecht haben den Mann nach ihren Aussagen jemals kennen gelernt. Der Finanzberater wird in dem Prozess jedoch nicht aussagen können: Er starb vor etwa vier Jahren bei einem Autounfall. Wie der Prozess gegen Niemöller ausgeht, der lange Zeit für die Justiz unauffindbar war und erst im vorigen Jahr in der Schweiz verhaftet wurde, bleibt offen. Heute wird vor dem Landgericht Halle weiter verhandelt.
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