Eine Schweinerei!
Rehhahn, SPD-Kandidat Wittenberg/Jessen im Spiegel
Alternative Ost
Holländische Investoren betreiben in Ostdeutschland riesige Schweineställe. Nun planen sie Betriebe, die alle Dimensionen sprengen, die es in der EU bisher gab.
Wer Sachsen-Anhalt mal von einer ganz anderen Seite kennenlernen möchte, wer nichts von Skinheads und Lethargie hören, sondern den Ruck im Osten spüren will, der sollte mit Helmut Rehhahn reden - über Schweinemast.
Schweinemast schaffe Arbeitsplätze und bringe "neues Leben in alte Ställe", doziert Rehhahn. Aus brachliegenden LPG werden bei ihm blühende Landschaften. Und mit der gärenden Schweinegülle würden Biogasanlagen betrieben, die Dörfer mit Strom versorgen könnten. Es hört sich so an, als sei Sachsen-Anhalt da an einer Zukunftstechnologie dran, die das Land auf Jahre aus dem wirtschaftlichen Sumpf ins Trockene bringen könnte.
Rehhahn, 58, ist Agrarökonom mit Promotion. Nach der Wende trat er in die SPD ein und war bis 1996 Landwirtschaftsminister. Für die Landtagswahl im März bereitet er sein politisches Comeback vor, als Direktkandidat im Wahlkreis Jessen. Sein Autotelefon klingelt. Ob er noch Bewerber für die Schweinemast brauche, will ein Bekannter wissen. "Was hast du denn für welche?", fragt Rehhahn. "Ich." "Du? Kümmere dich lieber um deine Schafe."
Für einen Schäfer sei das keine Arbeit, sagt Rehhahn. Die Schweineställe, um die es geht, haben nichts mit bäuerlicher Landwirtschaft zu tun. Es sind Mastfabriken niederländischer Investoren, für die Rehhahn schon seit 1996 durch das Land zieht - hermetisch abgeriegelte, von Hunden bewachte Hochsicherheitstrakte, in denen die Schweine unter Dauerdämmerlicht vegetieren. 0,15 Quadratmeter Platz haben die jungen Ferkel, rund 0,5 die Mastschweine. Damit sie sich vor Stress nicht selbst zerfleischen, wird "Beschäftigungsmaterial" in den Stall gelegt, Reifen und Ketten.
Bis zur Wende galt Niedersachsen als Hochburg der deutschen Mäster. Knapp 5000 Schweine fassen die größten Anlagen. Die in Sachsen-Anhalt sind auf bis zu 80 000 Schweine ausgelegt. Es sind Mega-Fabriken, deren Exkremente denen einer Stadt mit 180 000 Einwohnern entsprechen. In der EU gibt es mit solchen Dimensionen bislang keinerlei Erfahrung. Schon die bisherige Masttierhaltung führte etwa in Flandern und Niedersachsen zu hoffnungslos übersäuerten Böden. Die ständige Überdosis Gülle brachte die niederländische Regierung sogar dazu, den Mästern Prämien für die Stilllegung ihrer Betriebe zu zahlen. Eine lohnende Alternative scheint nun das dünnbesiedelte Sachsen-Anhalt mit den vielen verfallenen LPG-Ställen.
Sechs Projekte mit insgesamt 200 Millionen Euro Investitionen betreue er, sagt Rehhahn. Und in den meisten davon hängt Harry van Gennip mit drin. Der niederländische Investor begann 1994 in Sandbeiendorf in der Altmark, wo er die Ställe einer ehemaligen LPG weiter nutzte. Inzwischen werden dort 65 000 Schweine gemästet. Während in Sandbeiendorf kaum gegen das Vorhaben gemäkelt wurde, scheint es für van Gennip und Rehhahn im brandenburgischen Haßleben schwieriger zu werden. 85 000 Tiere sollen hier in einer renovierten LPG zusammengepfercht werden. Vor der Wende, als die Genossenschaft sogar mit 136 000 Schweinen operierte, war der Ammoniakgestank manchmal kaum auszuhalten. Die Fische im nahen See starben, und der Rat des Kreises wurde mit Eingaben genervter Bürger überschwemmt.
Im aktuellen Streit gibt es allerdings nicht nur Mast-Gegner: Der Initiative "Kontra Industrieschwein", die sogar ein "Free-the-Pigs-Festival" auf die Beine stellte, stehen die Befürworter der Anlage gegenüber, die mit "Pro Schwein"-Shirts durch den Ort laufen. "Wir haben bei denen gewisse Kosten übernommen", sagt Rehhahn, der den Befürwortern einen Internet-Auftritt spendierte - und für die nötige Argumentationshilfe sorgte: Ganz genau werden auf der Homepage die entstehenden 54 Arbeitsplätze aufgelistet. "Dafür geraten etwa 65 Familienbetriebe unter Druck", sagt Detlef Breuer von der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands.
Während es bei manchen von Rehhahns Projekten noch an der Genehmigung mangelt, hat sich vergangene Woche in Magdeburg bereits der Widerstand organisiert. Unter der Ägide des BUND vereinten sich die Gegner im "Aktionsbündnis für artgerechte Tierhaltung". Hans-Jürgen Wolf etwa betreibt in Gerbisbach an der Elbe eine Hundeschule. Mit sechs Mitarbeitern bildet er Minensuchhunde für die Uno aus. "Der Ammoniakdunst der geplanten Mastanlage würde den Hunden die Schleimhäute verätzen", fürchtet Wolf. Wäre die Anlage schon gebaut, dann hätte sie vor drei Jahren meterhoch im Flutwasser der Elbe gestanden - ein unkalkulierbares Risiko.
Für neuprojektierte Anlagen wie die in Mahlwinkel hat Rehhahn neue Ammoniakfilter zusagt. In den internen Planungsunterlagen - erstellt von einer Tochterfirma des stets industriefreundlichen Bauernverbands - ist allerdings unter Punkt 2.2.5. nur von "Ventilatoren" die Rede.
Was auf die Anwohner zukommt, folgt unter Punkt 2.5.: 25 bis 30 Lkw-Fahrten pro Woche mit Futter, 30 Fahrten zur Abholung von Schlachttieren. 5530 Lkw-Touren Gülle pro Jahr. Etwa 16 000 Schweine werden pro Jahr noch vor der Fahrt zum Schlachthof sterben. Deswegen wird täglich ein Lkw kommen und Kadaver abholen.
NILS KLAWITTER