Klarer Klang der Kirchenglocke wieder weit im Land zu hören
Gabriele Fischer aus Passau spendet Glocke für Lauchstädter Kirche - Feierlicher Umzug durch die Stadt
Die evangelische Stadtkirche St. Fabian erhält eine neue Glocke, die an diesem Sonntagvormittag feierlich in den Dienst Gottes und der Gemeinde gestellt wird.
Damit erfüllt sich ein langgehegter Wunsch. Um die Vorgängerin tut es keinem leid. Ihr Läuten klang gar dumpf und schwerfällig, ja, empfindlichen Ohren recht disharmonisch.
Im ersten Weltkrieg waren alle drei Glocken beschlagnahmt worden, nur die
kleinste - aus dem Jahre 1720 -erhielt die Kirchengemeinde später zurück. 1922 wurden dann Ersatzstücke aus Stahlguß eingebaut. Nun konnte zwar wieder geläutet werden, aber den richtigen Klang traf dieses Material nicht. Die größte Glocke erhält nun eine nach altem Brauch und überlieferter Tradition gegossene Nachfolgerin. Ein Ereignis für die ganze Stadt.
Von der Domäne ist der Zug am Morgen aufgebrochen. Der geschmückte Wagen mit der Glocke, der Posaunenchor, Mitglieder der Gemeinde und die Spenderin, Gabriele Fischer aus Passau mit ihrer Familie. An der Kirche wartet schon Hans-Günter Bröckert mit seinem 30-Tonner-Kran, der am Vortag bereits die alte Glocke vom Turm gehoben hat. Langsam läßt er die Fracht nach oben schweben, schwenkt sie über die Eiche, senkt sie hinab. Nun können sie alle, die hier stehen, noch einmal genau betrachten.
Das Wappen und den Wahlspruch der Familie von Gablenz „Gott allein mein Halt soll sein". Am unteren Rand eine kurze Erklärung des Dankes „Für die Hilfe in schwerer Zeit", gerichtet an Maria von Gablenz-Thürheim und der Name der Glocke. Groß steht er in der Mitte: Maria. Warum, das erzählt nun die Spenderin Gabriele Fischer den Anwesenden in bewegenden Worten selbst. Eine Geschichte, die zurückreicht in die Jahre des Krieges und auch bei vielen Zuhörern Erinnerungen weckt.
Pfarrer Michael Seils greift zum Klöppel, der erst auf dem Turm eingebaut wird und schlägt 3x kräftig gegen die Glocke. Noch hängt sie am Seil und am Haken. Ein lauter, lang nachhallender Ton schwingt in die Luft - das Leuten wird weithin zu hören sein. Dutzende Lauchstaedter sind gekomen um zu erleben wie die neue Glocke auf den Turm gezogen wird.
Dann schweben die rund 600 Kilo gegossenes Metall wieder nach oben. Den Klöppel, der zuletzt eingebaut wird, legt der Pfarrer beiseite. Auf dem Turm haben die Monteure der Passauser Glockengießerei Ferner schon alles vorbereitet. Zentimetergenau bleibt die Glocke vor dem Fenster hängen, kann vorsichtig hereingezogen werden. Mit hundertfach geübten Handgriffen wird sie neben den anderen beiden am hölzernen Glockenbaum befestigt -und läßt nach dem Gottesdienst ihr Läuten hören. Weit trägt der Wind die Töne übers Land.
Gabriele Fischer die Spenderin der Glocke
Gabriele Fischer verbrachte frühe Kindheit in Lauchstädt - Rückkehr nach 50 Jahren
Das ist die Geschichte, die Gabriele Fischer vor den Kirche erzählte: Von einem Vater, den sie nie kennenlernte, der an der russischen Front lag und seine hochschwangere Frau bat, das bombardierte Berlin zu verlassen. Beide freuten sich auf das ersehnte Wunschkind, doch der Mann, der fern im Felde war, sorgte sich zunehmend. Und so zog die junge Frau, obwohl sie während der Geburt des ersten Kindes lieber bei ihrer Mutter in der Stadt geblieben wäre, zu Tante Maria - jener Maria von Gablenz-Thürheim, verwitwete Zimmermann.
Sie wurde in Bad Lauchstädt herzlich aufgenommen, fand Geborgenheit und Wärme.
Am 6. Januar 1945 kam in Halle die kleine Gabriele zur Welt, die dann mit bei Tante Maria wohnte. Bis der Krieg zu Ende war, die Amerikaner abzogen und die Russen näher rückten. Es begann die schwere Zeit der Flucht, der Aufbau einer neuen Existenz im Westen Deutschlands. Eine Zeit, die Gabriele Fischer aus den Erzählungen so gut kennt, als hätte sie sie selbst schon bewußt erlebt. Daher weiß sie auch, daß sich die ganze Familie in dieser schweren Zeit sehr um den Säugling sorgte, aber auch viel Freude an ihm hatte. Das Kind ansah als ein Zeichen der Hoffnung, daß das Leben weitergeht.
Erst als 50jährige kehrte sie an den Ort ihrer frühesten Kindheit zurück. In Bad Lauchstädt lebte nun Familie von Reiche. Maria von Reiche, die damals 13 war und Maria von Zimmermann hieß, hatte sich als Mädchen sehr oft um die kleine Gabi gekümmert. Und weil sich Reiches sehr in der evangelischen Gemeinde engagieren, kam die Idee mit der Glocke. Als Zeichen der Dankbarkeit, daß sie in jener Zeit überlebte. Das sei, glaubt Gabriele Fischer, auch im Sinne ihres Vaters, der in russischer Kriegsgefangenschaft umkam.
Der Glockenbauer
Immer noch werden die Glocken in der Form aus Lehm gebrannt.Rudolf Ferner lernte das Handwerk im mehr als 400 Jahre alten väterlichen Betrieb
Als die neue Glocke für die Lauchstädter Kirche feierlich geweiht und dann eingebaut wurde, war auch ihr Schöpfer dabei: Glockengießer Rudolf Ferner aus Passau. Die MZ sprach mit dem 29jährigen, der als Inhaber das mehr als 400jährige Familienunternehmer selbst führt.
MZ: Im „Lied von der Glocke" beschreibt Schiller anschaulich das Handwerk des Glockengießers. Wie werden heute Glocken gegossen?
Ferner: Immer noch nach dem original Lehmform-Verfahren. Unsere Firma gehört mit einer 400jährigen Tradition zu den ältesten, und auch das Wissen und die Techniken sind von Generation zu Generation überliefert. Eine Glocke entsteht in wochenlanger handwerklicher Arbeit. Ganz vereinfacht: Aus Lehm werden Mantel und Kern gefertigt, in den Hohlraum dazwischen kommt der Metallguß.
MZ: Welches Material verwenden Sie?
Ferner: Kupfer und Zinn, in einem Verhältnis von 78 zu 22. Das ist der übliche Glockenguß. Das Gießen ist für uns alle immer noch ein besonders faszinierendes Ereignis. Zuerst wird in unserem alten Gußofen aus Stein das Kupfer erhitzt, danach das Zinn beigegeben und mit langen Fichtenstangen gut durchmischt. Vor dem Anstich wird gebetet. Dann fließt das brodelnde Metall über Kanäle in die Formen, die in der Erde vergraben sind.
MZ: Und dann müssen Sie warten. . .
Ferner: Ja, dann braucht es Geduld. Zwei oder drei Wochen, bis die Form langsam ausgekühlt ist. Erst dann wird sie aus der Erde geborgen, nun können Mantel und Kern abgeschlagen werden. Und nun zeigt sich, ob wir akkurat gearbeitet haben und die Glocke gut klingt.
MZ: Wie lange dauert es, bis man solch ein Handwerk beherrscht?
Ferner: Ich habe drei Jahre Glokkengießer gelernt, bei meinem Vater. In solchen Familienbetrieben wie unserem werden auch viele spezielle Erfahrungen und Kniffe weitergegegeben. Nach der Lehre habe ich noch studiert, weil ich den Betrieb auch wirtschaftlich führen muß.
MZ: Aber Sie gießen auch Glokken?
Ferner: Ja, natürlich, die Lauchstädter habe ich auch gegosssen. Sie wiegt
570 Kilogramm und hat den Ton a1. Ich denke schon, der Klang ist gut. Die Klangabstimmung ist bei uns bis auf ein Sechzehntel Halbton genau.
MZ: Wieviel Glocken gießen Sie in Ihrem Betrieb jährlich? "
Ferner: Glocken sind immer Auftragswerke, und das schwankt. Aber so zwischen 100 und 200 kommen im Jahr zusammen. Meist sind sie für Kirchen bestimmt, aber auch für Rathäuser haben wir schon welche gegossen. Eine der größten, die wir in unserer Gießerei fertigten, hängt im Heimatort in Passau. Die „Pummerin" im Stephansdom wiegt 8000 Kilo und hat einen Durchmesser von 2,40 Meter.
Redakteurin Elke Jäger.
Mitteldeutsche Zeitung vom 29.Sep1998
Zeitungsausschnitte von Frau Höfling
Andreas Fiedler