Bad Lauchstädt darf sich des einzigen original erhaltenen Theaters rühmen, in dem Goethe als Oberdirektor gewirkt hat.
Heute startet das Theater in seine Jubiläumssaison.
Wie groß war mein Erstaunen, als ich den ungeheuren Lärm in dem Gebäude hörte und bei meinem Eintritt
eine unbeschreibliche Verwirrung wahrnahm: Zimmerleute und Tischler sägten, hobelten und nagelten, Sattier beschlugen die Bänke, Tüncher und Maler strichen die Kulissen an, das ganze Haus lag voll von Brettern, Latten und Hobelspänen, so dass ich fragte: Und da soll heute gespielt werden?
Der Schauspieler Anton Genast, dem wir diesen Eindruck vom Morgen des 26. Juni 1802 verdanken, spielte am Abend.
Er stand auf den Brettern des in nur drei Monaten gebauten Theaters im damaligen ächsischthüringischen LuxusbadLauchstädt bei Merseburg. Dass nach dem Architekten Heinrich Gentz entstandene Haus löste
die als Schafstall verspottete bisherige Theaterscheune ab, in welcher das Weimarer Ensemble zurAuffülung
der Kasse schon jahrelang Sommer für Sommer gastierte.
Wiewohl Architekt und Bauinspektoren das ihre in verlässlicher Manier getan haben, so ist als eigentlicher Schöpfer
des Theaters ein anderer in die Geschichte eingegangen: der mit der Oberdirektion des Weimarer Theaters betraute
Johann Wolfgang von Goethe. Der Tag der Eröffnung vor 200 Jahren war darum auch sein Tag.
Kaum war das von Goethe für diesen Anlass geschriebene Vorspiel beendet,
raste die Menge im und auch außerhalb des Theaters, wo man wegen der dünnen Wände des Hauses den Prolog
gut mithören konnte.
Es lebe der größte Meister der Kunst, Goethe!, skandierte das Publikum. Der so auf die Bühne Gerufene bedankte sich
höchst bescheiden aber programmatisch: Möge das, was wir bringen, einem kunstliebenden Publikum stets genügen.
Nach der Premiere gab es Illumination und dem Geheimen Rat.
Goethe sein Bild (war) illuminiert und sein Name brennt, wie Christiane Vulpius notierte.
Bad Lauchstädt wurde zu einer wohlklingenden Adresse in der Theaterlandschaft und blieb es - von Unterbrechungen
abgesehen - bis in die Gegenwart. Rund 20 000 Besucher kommen inzwischen jährlich in das Lauchstädter
Sommertheater. Zur Jubiläumssaison, die heute Nachmittag mit der Premiere von Handels Oper „Die Feuersbrunst"
startet, werden noch mehr Besucher erwartet.
Goethe hatte am 25. Juli 1797 an den sächsischen Kurfürsten in Dresden ein Gesuch gerichtet,
in welchem er nach Darlegung der baulichen Mängel der Theaterscheune bat, der Oberdirektion die Erbauung
eines größeren und schicklichem Schauspielhauses auf ihre Kosten zu gestatten und ihr den dazu nötigen
Platz ... gegen die schuldigen Abgaben zu verleihen, auch die Dauer der Konzession des Schauspiels auf mehrere
Jahre huldreichst zu verlängern.
Doch der Dresdner Hof sperrte sich, fast volle fünf Jahre lang. Dann aber ging es Schlag auf Schlag. Mitte Februar 1802 tagte letztmals das vorbereitende Consilium architectonicum. Die dort verabschiedete
vorläufige summarische Instruction trägt Goethes Handschrift. Neben Details wie Bauplatzbesichtigung und Beschaffung des Holzes (das wurde von Weimar in die Nähe von Lauchstädt geflößt) sind darin auch Goethes Forderungen an das Bauwerk nachlesbar: Abgewiesen ward vor allen Dingen die Hütten form, die das Ganze unter,ein Dach begreift. Eine mäßige Vorhalle für Kasse und Treppen sollte angelegt werden, dahinter der höhere Raum für die Zuschauer emporsteigen, und ganz dahinter der höchste fürs Theater.
Lauchstädt darf sich also rühmen, der einzige original erhaltene Theaterbau zu sein, in dem Goethe während
seiner 26 Jahre als Oberdirektor des Theaters Weimar gewirkt hat. Da der Kompatibilität wegen die Bühne in
exakt den Maßen des Weimarer Theaters gebaut wurde, gibt das Haus zudem auch Auskunft über jenes
Theater, das einst in Weimar sich an jenem Platz erhob, auf dem das DNT steht.
Nahezu als ob erst gestern errichtet, begrüßt das klassizistisehe Kleinod in Lauchstädt seine Besucher in den nach Goethes Farbenlehre zusammengestellten Tönen Gelb, Rot, Weiß, Grau und etwas Blau. Eine von Goethes Kunstfreund Meyer entworfene, zeltartig gespannte und bemalte Leinwanddecke (1991/92 restauriert) wölbt sich über den Zuschauerraum, dessen schlichte Schönheit ganz den Vorstellungen Goethes von einem würdigen Lokal entspricht. Auch der Bühnenunterbau mit seinem scheinbaren Wirrwarr aus Seilen, Tüchern, hölzernen Wellen, Rollen, Gestängen und Wagen ist gepflegt und einsetzbar wie am Tag seiner ersten Inbetriebnahme.
Diese barocke Maschinerie ermöglicht es, bei offenem Vorhang das Bühnenbild binnen 15 Sekunden zu wechseln.
Kein Gedanke mehr daran, dass sich um 1830 das Dach des Theaters um fast einen Meter gesenkt hatte und
die Außenwände mit Bruchsteinpfeilern gestützt werden mussten, die dem Bau seine spielerische Leichtigkeit
genommen haben. Kein Wort mehr vom Todesschlaf des Hauses, den der Leipziger Historiker Wustmann um
1880 registrierte. Da begann die Decke in Fetzen herabzuhängen, schlecht eingezogene Zug-Anker verunstalteten den Zuschauerraum und das Drumherum erschien dem Archivar gar als die poesielose Atmosphäre eines modernen Biergartens.
Die baupolizeiliche Sperrung folgte auf dem Fuße. Schon regten sich Abbruchwillige. Doch ein Bankier aus Halle verhinderte das mit seiner Spende für einen Wiederaufbau. Am 13. Juli 1908 wurde in dem geretteten Haus mit Goethes „Iphigenie" Wiedereröffnung gefeiert. Fortan nahm sich ein Verein der köstlichen Reliquie aus der großen Weimarer Zeit an.
Älterer Artikel aus der MZ, Datum unbekannt
Andreas Fiedler