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Donnerstag, 10. Juli 2003, 21:06

Hochwasser von 1965

Vor 38 Jahren ging ganz plötzlich ein sintflutartiger Wolkenbruch über Bad Lauchstädt nieder.
Unserer kleines Flüßchen LAUCHA wurde zum reißenden Strom.

Vor 30 Jahren, im Juli 1965, brannte die Sonne ebenso unbarmherzig vom Himmel wie heute. Die hitzegeplagten Menschen hofften auf Abkühlung. Den Einwohnern in Bad Lauchstädt ging es da nicht anders als ihren Nachbarn. Doch als dann der Himmel tatsächlich sene Schleusen öffnete, ergoß sich eine wahre Sintflut über das Goethestädtchen. Noch heute erzählen die, die damals dabei waren davon. Ahnliches hatten sie vorher und auch danach nicht wieder erlebt.

Einer derer, die ihre Erinnerungen festhielten, ist Gerhard Crone aus Bad Lauchstädt. Er griff an jenem Sonnabend zur Kamera und fotografierte, solange die in aller Eile zusammengesuchten Filme und Filmreste reichten. Mittlerweile stellte sich heraus, daß er die umfangreichste Dokumentation über das Unwetter besitzt. Am Montag dieser Woche, genau 30 Jahre nach dem Unglückstag, hielt Crone im Feuerwehrgebäude einen Dia-[V]ortrag über die Ereignisse. Schon 15 Minuten vor Beginn war der Raum rappelvoll. So viele Stühle wie möglich wurden noch hineingequetscht, aber einige mußten dennoch wieder gehen. Deshalb will er die Sache im Herbst oder Winter noch einmal wiederholen. Für die Leser der MZ stellte er Aufzeichnungen und Fotos zur Verfügung. Nachfolgend der Bericht von Gerhard Crone:


Auch der Hof der Familie Reibestein war völlig überflutet.
Das Wasser riss etliche der hier gelagerten Holzstapel mit, die Balken flogen wie Geschoße durchs Wasser.


Für viele ist es immer noch unfaßbar, was sich in der Nacht vom 16./17. Juli 1965 in Bad Lauchstädt abspielte. Kurz zur Vorgeschichte: Schon an den Vortagen regnete es oft sehr ergiebig, so daß die aufnahmefähigen Ackerböden rund um Bad Lauchstädt voll gesättigt waren und kaum noch Nässe aufnehmen konnten. Am 16. Juli 1965, es war freitags, herrschte am frühen Nachmittag nach den vielen vorangegangenem Regen drückende Wärme und Schwüle.
In der Kleingartenanlage „Alte Anlage" hatte man alles auf Feststimmung hergerichtet, man wollte am Sonnabend das große Gartenfest feiern. In der Stadt und im Park herrschten Ruhe, fast Resignation - einen
mittleren Dornröschenschlaf gleichzusetzen.

Der Park war verwildert, viele Gebäude im Ort waren vernachlässigt, der Lauchabach war verschlammt und an vielen Stellen eingeengt. Ein Gewitter zog sich zusammen, eine dumpfe, schwüle Stimmung lag in der Luft über der Stadt.
Gegen 16 Uhr begann sich das Gewitter mit voller Gewalt zu entladen, begleitet von einem heftigen Regen, der ständig an Intensität zunahm. Während das Gewitter gegen 18 Uhr schwächer wurde und noch einige Male zurückkam, bis es sich gegen 21 Uhr endgültig verzog, wurde der Regen immer stärker.
Schon gegen 19 Uhr wälzte sich ein die ganze Straße bedeckender Wasserstrom durch die Jahnstraße und Naumburger Straße der Laucha entgegen, die aber kaum noch aufnahmefähig war. Es kam zur Überflutung der Naumburger Straße, der Badeschlippe und des Strohhofes, jeweils im Brückenbereich.


Durch den Kurpark suchte sich das Wasser seinen Weg. Alles sah aus wie ein wildbewegter See, das Durchwaten war gefährlich.

Die Durchlässe der Brücken reichten nicht mehr aus, die Laucha staute sich und floß teils unter den Brücken durch, teils darüber hinweg. Wenig später erreichte eine Flutwelle aus Richtung Schafstädt unsere Stadt, vor der Brücke Parkstraße und am Einlauf zur Parkuntertunnelung staute sich das Wasser. Es suchte sich mit Gewalt neue Wege, durchströmte oberirdisch den gesamten Park und den Teich, dessen Wassermassen sich wiederum über sein Ufer in die Promenade stürzten; aber im Bereich Naumburger Straße nicht weiter abfließen konnte, da dort schon alles überflutet war.
Bad Lauchstädt stand nun in seinen tiefen Lagen von Schotterey bis Klein-Lauchstädt unter Wasser. Es stieg ständig und stand gegen 22 Uhr in der Naumburger Straße bereits etwa zwei Meter über Pflasterhöhe bzw. vier Meter über normalem Wasserspiegel der Laucha.


Das Haus links daneben, kenn ich (Jahrgang 62) überhaupt nicht mehr

Dazu finsterste Nacht, da Strom und Telefon ausgefallen waren. Viele Menschen waren in Gefahr, dem Ertrinken nahe. In den oft kleinen Häusern waren sie bis auf den Boden geflüchtet, denn unten stand das Wasser fast bis zur Zimmerdecke.
In dieser schrecklichen Nacht leisteten die Kameraden der freiwilligen Feuerwehrübermenschliches, um Menschen aus höchster Not zu retten. Durch den Ausfall des gesamten Strom- und Telefonnetzes konnte zunächst keine Hilfe von auswärts angefordert werden. Unterstützung erhielten die Bad Lauchstädter Kameraden der Feuerwehr erst zu später Stunde, nachdem man per Bote bei der sowjetischen Garnison und bei der NVA in Merseburg Hilfe angefordert hatte. Während das Wasser bis Mitternacht stieg und dann einige Stunden gleichbleibend stand, rettete man in dramatischen Aktionen, teilweise durch die Bodenfenster, alle gefährdeten Bürger.


Unter Wasser stand auch die sogenannte "Badeschlippe" die vom Markt zum Strohhof führt. Die Bewohner der Häuser hier mussten evakuiert werden, die Schäden an den Gebäuden waren immens. Das Haus im Foto steht heute nicht mehr, mußte abgerissen werden.

Bis zum Morgengrauen war die Rettungsaktion abgeschlossen. Niemand ist in den Fluten ertrunken; aber viele hatten ihr gesamtes Hab und Gut verloren. Etwa ein Dutzend Wohnungen waren so stark beschädigt bzw. einsturzgefährdet, daß sie nicht wieder bewohnt werden konnten. Die Bewohner mußten zunächst in der Schule untergebracht werden. In acht Geschäften waren alle Waren verdorben, die Einrichtung unbrauchbar geworden, in vielen Wohnungen Möbel, Wäsche und Lebensmittel weggeschwommen oder verdorben, Haustiere ertrunken.

Im Kursaal und in dem Museums Pavillons hatte das erst am darauffolgenden Tag abfließende Wasser eine dicke Schlammschicht hinterlassen. Der gesamte Park war verwüstet, der Bach hatte sich ein neues Flußbett durch den Park gegraben. Haus und Schrebergartenbepflanzungen sowie Grünanlagen waren vom Wasser glattgewalzt und mit einer dicken Schlammschicht überzogen. Bereits in der Nacht begann ein Wohnhaus einzustürzen, sieben weitere Wohnhäuser, sämtlich aus Lehm bestehend, und einige Nebengebäude mußten als Folge des Hochwassers abgerissen werden.
Von Schotterey bis Klein-Lauchstädt hatte das Hochwasser verheerende Spuren hinterlassen. Die gesamte Altstadt einschließlich Kurpark bot ein Bild der Verwüstung. Im Krieg war unser Städtchen weitgehendst verschont geblieben, nun hatte die Naturkatastrophe tiefe Wunden in die Stadt gerissen, die bis heute noch nicht gänzlich verheilt sind.

Dieses schreckliche Ereignis war jedoch vorprogrammiert. Seit 1709 ereigneten sich etwa zehn ähnliche Überschwemmungen, 1798 die folgenschwerste, dabei stürzten Teile der Kolonnaden um und einige Wohnhäuser wurden zerstört. Aber seit 1798 war die 1965er Überschwemmung die schwerste der letzten 175 Jahre. Dazu kam es, weil man den Lauchabach mit samt seinen Brücken und Untertunnelungen total vernachlässigt und den Bachlauf vielerorts stark eingeengt hatte.
Bei einem intaktem Lauchabett, so wie wir es heute kennen, hätte ein derartiges Hochwasser zum größten Teil abgewendet werden können.

Eine Woche kaum aus den Sachen gekommen.


Karl Schmidt (verstorben) erinnerte sich noch gut an das Hochwasser vor 30 Jahren. Mit dem Feuerwehrhorn blies er damals zum Sammeln. Von 1970 bis 81 war er dann Wehrleiter der Feuerwehr

Seit 46 Jahren ist Karl Schmidt aus Bad Lauchstädt Mitglied der freiwilligen Feuwerwehr und erlebte etliche Einsätze mit. Doch keiner grub sich so in sein Gedächtnis wie der beim Hochwasser im Juli 1965. „So gegen 16 Uhr am Freitagnachmittag verdunkelte sich der Himmel. Dann goß es wie aus Kannen, richtige Sturzbäche", sieht er die Wassermengen noch einmal vor sich. Da war ihm klar, daß die Feuerwehr 'raus muß. Schmidt, damals flotte 33 Lenze, schwang sich auf sein Rad, klemmte das Feuerwehrhorn unter den Arm und blies das Alarmsignal. Immer dreimal lang.. .

Die Feuerwehrmänner sammelten sich noch rechtzeitig. Ursprünglich sollten sie nach Schafstädt, aber angesichts der Situation im eigenen Ort blieben sie lieber. Und das war, wie sich zeigte, goldrichtig. Karl Schmidt übernahm die Einsatzleitung im nördlichen Bereich. Verbindung zum Wehrleiter gab es nicht, der Strom war weg. „Man konnte förmlich zusehen, wie die Laucha anstieg.

Da sind wir dann los nach St. Ulrich zu den Bauerngehöften. Die ersten Hühner schwammen schon im Wasser." Von Hof zu Hof zog die Truppe, bis nach Kleinlauchstädt, schleppte H[ü]hner, Schweine und Rinder aus Ställen in obere Etagen. Ein Kälbchen, schon fast tot, rieben sie solange mit Stroh ab, bis es wieder atmete.
Als sie schließlich zurück in die Stadt marschierten, kam der Schock: Die Laucha hatte die Innenstadt überflutet, zahlreiche Wohnhäuser standen unter Wasser. „Die Leute saßen auf den Dächern und riefen um Hilfe. Bei Reibesteins im Hof waren Holzstapel gelagert, die langen Balken zischten nun wie Geschosse durch das Wasser. Manchmal war es ganz schön gefährlich. Gott sei Dank gab es keine Toten", denkt der gestandene Feuerwehrmann zurück.

Erst gegen Mitternacht begann das Wasser wieder zu fallen. Mit einem Lastkahn wurde begannen, aus den gefährdeten Häusern das Hab und Gut der Bürger abzutransportieren.
„Als es wieder hell wurde, sahen wir die ganze Bescherung. Schlamm überall, zerstörte Wohnungen, tote Haustiere. Das tat schon weh." In der Woche nach der Katastrophe gingen die Feuerwehrleute nicht zur Arbeit, kamen nur kurz zum Schlafen nach Hause. Das große Aufräumen begann. Wohl sämtliche Keller in der Innenstadt waren überflutet, mußten leergepumpt werden. Und jeder wollte als erster drankommen. . . Die Feuerwehr pumpte das alte Freibad (heute ist dort die Liegewiese) ab, das Wasser aus den Kellern sackte dadurch nach.

Das Ausmaß der Schäden wurde jetzt erst richtig sichtbar. Einige der Lehmhäuser waren nicht mehr zu retten, nach dem Trocknen rissen Wände.
Bewohner mußten, zum Teil gegen ihren Willen, evakuiert werden. Aber die Sicherheit ging vor. Mit dem Schlamm hatten die Lauchstädter noch Wochen danach zu kämpfen. Die Laucha allerdings wurde nach dem Unwetter endlich gesäubert und das Niveau abgesenkt.

Quelle: MZ 22.Juli 1995
Fotos: Gerhard Krone
Zeitungsausschnitt von Frau Höfling



Andreas Fiedler

Mittelstands Anzeiger


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Donnerstag, 7. August 2003, 18:51

Bilder vom Hochwasser

So sah es im Kurpark aus




Das ist die Kleingartenanlage "Alte Anlage" die ersten Gärten auf der rechten Seite an der Laucha



Und noch mal das alte "HO" von einer anderen Perspektive.



Bildmaterial Familie Hübner

MfG
Andreas Fiedler

Mittelstands Anzeiger


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Dienstag, 19. Juli 2005, 12:11

Derzeit findet eine Ausstellung, mit Bildern von Herrn Crone, im Rathaus statt. Die Ausstellung wurde heute 9:00 Uhr offiziell eröffnet.





Hier wieder einige Bilder









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