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Dienstag, 14. November 2006, 09:16

Die ehrenamtliche Arbeit in Deutschland

Umfang, Entwicklung und Fördermöglichkeiten ehrenamtlicher Arbeit
in Deutschland


Präsentation auf der Auftaktveranstaltung zur Kampagne „Gut tun – tut gut“ des Sozialverbands Deutschland (SoVD) am 30.08.2006 in Berlin
Dr. Marcel Erlinghagen

Spätestens seit Ende der 1990er Jahre ist das Ehrenamt wieder verstärkt in das Blickfeld von Öffentlichkeit, Politik und Wissenschaft geraten. Angesichts leerer staatlicher Kassen und Diskussionen um „Politikverdrossenheit“, um wachsende „soziale Kälte“ und um einen „zunehmenden Egoismus“ scheint das Ehrenamt geradezu ein ideales Gegengift zu sein, das diese Entwicklungen stoppen wenn nicht sogar umkehren kann.

So verspricht man sich durch eine Revitalisierung des Ehrenamtes nun im neudeutschen Gewande des „Bürgerschaftlichen Engagements“ eine Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und eine Qualitätsverbesserung sozialer Dienstleistungen durch die stärkere Einbindung sachverständiger Laien. Gleichzeitig wird damit oftmals auch die Hoffnung einer Entbürokratisierung und schließlich auch einer Reduktion staatlicher Sozialausgaben verknüpft.

Um entscheiden zu können, ob solche Hoffnungen begründet sind, wo Chancen aber auch Risiken einer verstärkten Förderung ehrenamtlicher Arbeit liegen, ist es wichtig, mehr über ehrenamtliche Arbeit in Deutschland zu wissen. Hierzu möchte ich beitragen, indem ich zunächst kurz auf eine definitorische Abgrenzung ehrenamtlicher Arbeit von anderen produktiven Tätigkeiten eingehe. Anschließend werde ich Ihnen einige Zahlen zum Umfang und zur Entwicklung von ehrenamtlicher Arbeit sowie zu den Motiven für ehrenamtliches Engagement präsentieren und die Situation in Deutschland mit anderen europäischen Ländern vergleichen. Darüber hinaus werde ich unterschiedliche Möglichkeiten
der staatlichen Förderung ehrenamtlicher Arbeit erörtern und daraus schließlich
eine Empfehlung ableiten.


Das „Ehrenamt“Ohne jeden Zweifel ist ehrenamtliche Arbeit eine produktive Tätigkeit. Die Aktivenproduzieren in erster Linie soziale Dienstleistungen und schaffen dadurch einen volkswirtschaftlichen Mehrwert. Der Unterschied zwischen ehrenamtlicher Arbeit und anderen Formen produktiven Tuns liegt daher auch nicht in den Arbeitsinhalten. So kann bspw. die Betreuung von Kindern durch professionelle Kräfte in Form von Erwerbsarbeit, durch die Großeltern oder Nachbarn durch Netzwerkhilfe oder aber durch ehrenamtliche Kräfte in einer Elterninitiative erfolgen. Vielmehr unterscheidet sich ehrenamtliche Arbeit einerseits von Erwerbsarbeit dadurch, dass sie unbezahlt erfolgt und andererseits
von Netzwerkhilfe dadurch, dass sie in Anbindung an eine Organisation (also
z.B. einen Verein) erfolgt.

Solche begrifflichen Unterscheidungen sind dabei weit mehr als lediglich akademische Haarspaltereien. Denn die individuellen ebenso wie die gesellschaftlichen Voraussetzungen, sich in Form eines Ehrenamtes oder aber in Form von Netzwerkhilfe zu engagieren, können durchaus unterschiedlich sein. Aus diesem Grund werde ich mich im Folgenden ausschließlich auf organisierte, unbezahlte gemeinnützige Arbeit – sprich das Ehrenamt – konzentrieren.

Einige Fakten zur ehrenamtlichen Arbeit in Deutschland.
Im Jahr 2003 war knapp ein Drittel aller Erwachsenen in Deutschland ehrenamtlich engagiert. Mehr als die Hälfte der Aktiven tut dies regelmäßig mindestens einmal im Monat.
Dabei ist dieser Anteil langfristig entgegen aller Unkenrufe eines zunehmenden
Egoismus in den zurückliegenden 20 Jahren deutlich gestiegen. Allerdings ist dieser
generelle Zuwachs weniger auf eine Zunahme regelmäßigen Engagements zurückzuführen.
Insbesondere bei den Jüngeren hat die Bedeutung sporadischer Aktivitäten zugenommen.
Jedoch zeigen Senioren eine deutliche Aktivitätszunahme gerade auch bei
regelmäßigem Engagement.
Die meisten Menschen sind im Bereich Sport, Freizeit und Kultur aktiv. Auch das Engagement in Schulen bzw. Kindergärten sowie im Kontext kirchlicher und religiöser Organisationen ist erheblich. Hingegen spielt die direkte politische Partizipation in im weitesten Sinne Interessenvertretungen eher eine untergeordnete Rolle.
Selbstverständlich sind die Gründe, warum der Einzelne ehrenamtlich aktiv ist, sehr
vielschichtig. Dennoch scheint insbesondere wichtig zu sein, zum einen das gesell3
schaftliche Zusammenleben aktiv mitgestalten zu können und zum anderen durch diese Aktivitäten mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen.

Im Vergleich mit anderen europäischen Ländern rangiert Deutschland bezüglich des
ehrenamtlichen Engagements der Bürger im oberen Drittel. Lediglich die skandinavischen Länder sowie die Niederlande liegen vor der Bundesrepublik.
Förderung ehrenamtlicher Arbeit Insgesamt muss man also feststellen, dass es um das Ausmaß und die Entwicklung ehrenamtlichen Engagements in Deutschland nicht so schlecht bestellt ist, wie verschiedentlich behauptet wird. Gleichwohl zeigt ein Blick insbesondere in die skandinavischen Länder, dass trotzdem durchaus noch Entwicklungspotential besteht.

Es stellt sich folglich die Frage, wie zukünftig sichergestellt werden kann, dass ehrenamtliches Engagement in Deutschland seinen hohen Stellenwert zumindest beibehält.
Denn eine Beteiligung von Bürgern am gesellschaftlichen Leben ist alles andere als ein „Selbstläufer“. Es ist eine politische Aufgabe, die Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sich ehrenamtliche Arbeit auch in Zukunft entfalten kann. Dabei gilt es insbesondere folgende vier Punkte im Blick zu behalten:

· Erstens zeigt der internationale Vergleich, dass insbesondere die skandinavischen
Länder mit ihrem sehr gut ausgebauten Sozialsystem die höchsten Engagementquoten aufweisen. Folglich verdrängen staatliche Sozialausgaben nicht Bürgerengagement, sondernd im Gegenteil vergrößert staatliche Sozialpolitik durch eine Bereitstellung einer geeigneten Infrastruktur offensichtlich die Möglichkeiten, dass sich Bürgerengagement entfalten kann.

· Zweitens sollte eine staatliche Stimulierung ehrenamtlicher Arbeit (weiterhin) die lokale Infrastruktur der nicht-staatlichen Träger gemeinnütziger Arbeit (Vereine, Verbände, Selbsthilfegruppen etc.) nicht aber den ehrenamtlich tätigen Einzelnen direkt fördern, wie dies gelegentlich diskutiert wird. Durch eine intelligente und transparente Förderung der Infrastruktur können Verwaltungskosten minimiert und die Zielgenauigkeit der eingesetzten Fördermittel optimiert werden.

· Drittens ist ehrenamtliches Engagement auch auf Seiten der einzelnen Engagierten keineswegs voraussetzungslos, sondern an die Verfügbarkeit von persönlichen Ressourcen (Einkommen, Bildung, Gesundheit etc.) gebunden. Dies macht deutlich, dass bspw. eine gute Bildungs- und Gesundheitspolitik eben quasi als Nebenprodukt auch die Voraussetzungen auf Seiten der Bevölkerung stärkt, sich vermehr zu engagieren.

· Viertens kann ehrenamtliches Engagement die Arbeit bezahlter hauptamtlicher, professioneller Kräfte nicht ersetzen. Die Hoffnung, mit einer Stärkung ehrenamtlichen Engagements gleichzeitig Einsparungen im Sozialhaushalt erzielen zu können, ist trügerisch. Denn findet ehrenamtliches Engagement nicht eingebettet in ein professionelles Umfeld statt, ist auch die Qualität der erbrachten Leistungen vielfach in Gefahr.

Schlussfolgerung und Ausblick
Sozialpolitik bleibt auch im 21. Jahrhundert gestaltbar. Insofern müssen wir uns als
Bürger dieses Landes entscheiden, in welcher Gesellschaft wir leben möchten. Einerseits ist es dabei wichtig zu erkennen, dass Deutschland weit davon entfernt ist, eine Gesellschaft von Egoisten zu sein. Andererseits muss dies nicht zwangsläufig auch für die Zukunft gelten. Insofern besteht die Herausforderung eben genau darin, weiterhin Freiheit und Gemeinsinn gleichermaßen zu stärken. Dies kann nur in einem starken Sozialstaat geschehen, der erst durch Bildung, Gesundheit und Sicherheit die Voraussetzung für die Beteiligung der Bürger am sozialen Leben schafft. Daher ist es ein großer Fehler, Sozialausgaben ausschließlich als Kosten zu begreifen. Sie sind eben auch Kaufkraft erzeugende Löhne für hauptamtlich Beschäftigte und Investitionen in eine Infrastruktur, die direkt oder indirekt die Menschen befähigt, soziale Verantwortung z.B. in Form von Ehrenämtern zu übernehmen.


Dr. Marcel Erlinghagen
Lehrstuhl für Sozialpolitik und öffentliche Wirtschaft
Fakultät für Sozialwissenschaft
Ruhr-Universität Bochum
GC 04/309
Universitätsstraße 150
44801 Bochum
Mail: marcel.erlinghagen@rub.de
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