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Dienstag, 6. September 2005, 09:44

Sex-, Kauf- und Spiel-«Sucht» sind oft Folgen von Alltagsproblemen

Gefangen in einer Endlosschleife

Sex-, Kauf- und Spiel-«Sucht» sind oft Folgen von Alltagsproblemen
von Arnd Petry, 24.08.05, 12:39h, aktualisiert 24.08.05, 15:16h



Nur exzessiv oder schon süchtig? - Ob der häufige Besuch bei Prostituierten krankhaft ist oder nicht, hängt laut Experten vom Einzelfall ab. (Foto: dpa)

Düsseldorf/Hamburg /dpa. «Ich könnte ständig kaufen gehen.» Das sang einst Herbert Grönemeyer – und lenkte den Blick auf eine oft nicht wahrgenommene Krankheit: Laut einer Studie der Uni Stuttgart-Hohenheim gelten sieben Prozent der deutschen Erwachsenen als stark kaufsuchtgefährdet. Damit nicht genug: Rund 180 000 Deutsche gelten als krankhafte Spieler, eine halbe Million gar als sexsüchtig.

Im Prinzip birgt jedes normale Verhalten, jedes Hobby die Gefahr, dass es übertrieben wird, um von Alltagssorgen abzulenken: Auch Verhaltensweisen wie Waschen, Laufen, Bodybuilding, Arbeiten und Sammeln können eskalieren, so das sie zu einer behandlungsbedürftigen Störung werden. Die Frage ist, welches Maß bei der Beurteilung angelegt werden soll.

«Sexualität ist höchst unterschiedlich und individuell ausgeprägt», erklärt Rolf Gindorf von der Deutschen Gesellschaft für Sozialwissenschaftliche Sexualforschung (DGSS) in Düsseldorf. Und auf Zahlen kommt es dabei nicht an: Entscheidend sind nicht die Häufigkeit der Orgasmen pro Tag, Monat oder Jahr. Und auch die Menge der Sexualpartner - egal, ob gleichzeitig oder nacheinander - oder deren Geschlecht ist unwichtig.

Entscheidend ist das Gefühl: «Das normale Maß ist überschritten, wenn es dem Betroffenen nicht gut bekommt», sagt Gindorf. Wer merkt, dass er Sex macht, obwohl er das eigentlich gar nicht will, habe ein Problem. Und den Weg aus dieser Zwangslage finden Betroffene seiner Ansicht nach sehr oft nicht ohne fachliche Hilfe.

Ähnlich verhält es sich auch mit anderen Verhaltensexzessen, von Experten auch als nicht stoffgebundenen Abhängigkeiten bezeichnet: beispielsweise der Kauf-, Glücksspiel- oder Arbeits-«Sucht». Denn eine klar gezogene Trennlinie zwischen einem übertriebenen, aber noch akzeptablen Verhalten und krankhaftem Kaufen, Spielen oder Arbeiten gibt es nicht. Sicher ist nur, dass irgendwann eine unmerkliche Schwelle zur Abhängigkeit überschritten wird. Doch was sind die Anzeichen dafür, dass man sich mit seinen Verhalten schon jenseits von Gut und Böse bewegt und in einer psychologischen Endlosschleife gefangen ist?

«Wenn eine normale Verhaltensweise zum Hauptlebensinhalt wird und alle anderen Interessen verkümmern, ist die Grenze überschritten», antwortet Prof. Iver Hand von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf: Wer sein Leben nicht mehr schafft, weil sich bei ihm alles nur ums Kaufen, Wetten oder um Sex und Pornografie dreht, braucht professionelle Hilfe. Dabei ist den Problemen der Betroffenen mit einer klassischen Suchttherapie meist nicht beizukommen.

Das liegt daran, dass es sich bei Verhaltensexzessen nach Ansicht vieler Fachleute gar nicht um Süchte handelt: «Wissenschaftlich ist noch nicht bis ins Letzte geklärt, ob es Sucht ist oder nicht», sagt Christa Merfert-Diete von der Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) in Hamm. «Eine Sucht ist laut Definition immer an einen Stoff gebunden.» Sexualberater Rolf Gindorf stellt klar: «Es gibt keine Sexsucht.» In mehr als 30 Jahren mit fast 29 000 Klienten habe er keinen gehabt, der tatsächlich «süchtig» nach Sex war.

Weil Alkohol, Kokain und andere körperlich abhängig machende Drogen fehlen, kommt es auch bei stoffungebundenen Abhängigkeiten - bei denen die Experten je nach Ausprägung lieber von Zwangsspektrumsstörungen oder Störungen der Impulskontrolle sprechen - nicht in erster Linie darauf an, «clean» zu werden und auf die Einnahme einer Droge zu verzichten.

Statt absoluten Verzicht zu üben, ist eine an der individuellen Situation des Betroffenen ausgerichtete Verhaltenstherapie das Mittel der Wahl: «Wichtig ist, dass die Personen ihr Verhalten reflektieren», erklärt DHS-Expertin Merfert-Diete. Das Ziel müsse es sein, der exzessiven Handlung wieder den richtigen Stellenwert zuzuweisen und in das eigene Leben zu integrieren.

Prof. Iver Hand sieht es ähnlich: «Wir versuchen, in der Therapie die Ursachen zu finden und die Betroffenen stresstoleranter zu machen.» Denn in den meisten Fällen ist die Flucht in den Kauf- oder Spielrausch ein Wegrennen vor Alltagsproblemen: ein Kick, der ablenken und kurzzeitig für Freude und Anerkennung sorgen soll.

Fingerspitzengefühl wird daher von Angehörige gefordert, die unter dem exzessiven Verhalten eines Familienmitgliedes leiden: «Es ist wichtig, dass die Angehörigen den Betroffenen keine Vorwürfe machen und sich daraus kein Machtkampf entwickelt», sagt Iver Hand. «Sagen Sie, Sie möchten, dass mit einer neutralen Person über das Verhalten gesprochen wird – ohne Druck und die Verpflichtung zur Therapie.»

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Mittelstands Anzeiger


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