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Dienstag, 21. März 2006, 07:32

Täve Schur

Gustav-Adolf Schur

Der rastlose Täve

Die Radsport-Legende feiert 75. Geburtstag: Wo immer er auftaucht, fliegen ihm die Herzen entgegen. Dabei ist es ein halbes Jahrhundert her, dass Gustav-Adolf Schur zweimal die »Friedensfahrt« und WM-Gold gewann. Er bleibt ein Idol.

Ständig ist der Mann auf Achse. Ehrenamt hier, Vortrag da, Autogrammstunde dort. Täve Schur ganz in Ruhe zu Hause in Heyrothsberge bei Magdeburg anzutreffen ist fast unmöglich. „Gucken Sie mal“, sagt er, und die blauen Augen blitzen, als er den Kalender aufschlägt. „Fast täglich ein Termin. Wenn ich Ihnen das alles vorlese, sitzen wir morgen noch hier. Ich bin ein Rastloser.“ So ist er eben. Quirlig wie eh und je. Dabei feiert Deutschlands berühmtester Radsportler am 23. Februar schon seinen 75. Geburtstag.

Kriegsjahre
Immer in Bewegung, so war Gustav-Adolf Schur, wie Täve eigentlich heißt, schon als Kind: „Wir Jungs tobten jeden Tag durch die Gegend, spielten Handball und Fußball. Kicken war aber nicht so mein Ding. Denn ich habe nie Tore geschossen.“ Unbeschwert war Täves Kindheit nicht: „Wir hatten Krieg. Am Bahnhof wurden Panzer für die Front zusammengestellt. Und Piloten auf dem nahen Flugplatz ausgebildet. Mehrmals wurden wir bombardiert. Häuser bekamen Risse, Dächer flogen durch die Gegend. Ich musste mit raus zum Feuerlöschen.“ Fünf Kinder hatten die Schurs zu Hause. Der Vater arbeitete erst in einer Ziegelei, später als Tankwart auf dem Flugplatz. Die Mutter war Hausfrau: „Sie hatte alle Hände voll zu tun. Waschen, Kochen, jeden Tag. Wir hatten Schweine, Ziegen, Enten und Kaninchen. Als Ältester habe ich mich um die Tiere gekümmert.“ Die Schule in Heyrothsberge war 800 Meter vom Elternhaus entfernt: „An regelmäßigen Unterricht war nicht zu denken. Es gab oft Fliegeralarm. Dann verkrochen wir uns im Keller. Heute noch geht es mir durch und durch, wenn ich eine Sirene höre. Und dann der Hunger. Wir haben Getreide vom Feld geklaut oder mit Handgranaten Fische gefangen. Es ging um unser Überleben.“

Rad-Erfahrungen
Nach Kriegsende entdeckte Täve das Radfahren für sich: „Anfangs war ich mit Vaters Drahtesel unterwegs. Der war viel zu groß für mich. Ich musste durch den Rahmen hindurchtreten. Dann hatte ich ein eigenes Rad, fuhr mit dem bei Wind und Wetter ins sechs Kilometer entfernte Körbelitz. Dort ha-be ich Mechaniker gelernt. Die Reifen hatten Beulen und Löcher, Vater hat sie immer wieder repariert. Bis es für ein neues Rad reichte.“ Erste Wettfahrten lieferte sich Täve mit dem Bus, der war auf gleicher Strecke unterwegs: „Zuerst war er früher am Ziel. Nach einem halben Jahr hängte ich ihn ab.“ Bei »Aufbau Börde« bestritt er 1950 sein erstes Rennen. Von Magdeburg nach Wolmirstedt. Am Ende nahm er stolz die Siegerschleife in Empfang. Doch Täves Traum war ein anderer: „1948 war die »Friedensfahrt« ins Leben gerufen worden. Sie führte durch unser Land, Polen und die Tschechei. Da wollte ich unbedingt dabei sein.“ Vier Jahre und einige gewonnene Radrennen später war es so weit. 1952 stand Täve in Warschau mit der Mannschaft der DDR erstmals am Start: „Ich kannte die Trümmer von Magdeburg. Das war schlimm. Aber so was wie Warschau hatte ich noch nie gesehen. Wir fuhren mit dem Peleton nur durch Trümmerhaufen.“ Seinen größten Triumph feierte Täve 1955. Als erster DDR-Fahrer entschied er die »Friedensfahrt« für sich: „Tausende standen an den Straßen. Jubelten, wenn wir vorbeisausten. Dann der Empfang zu Hause. Unglaublich!“ Stolz waren auch die Eltern: „Ihr Junge war in der Zeitung. Die Leute haben sie natürlich angesprochen. Das schmeichelte. Ich war froh, dass ich ihnen mit diesem Sieg eine Freude machen konnte.“

Erfolgsgeschichten
Ab da ging es mit der Karriere nur noch bergauf. Wichtigste Etappenziele: Täve wurde sechs Mal DDR-Meister im Einzel, zwei Mal mit der Mannschaft. 1959 gewann er erneut die »Friedensfahrt«. Seinen größten Triumph feierte er 1958. Von Magdeburg zum SC DHfK Leipzig gewechselt, holte er im französischen Reims den ersten WM-Titel im Straßenrennen für die DDR. Als erster Amateur der Welt wiederholte er den Sieg 1959 im holländischen Zandvoort. Täve Schur, ein Mythos war geboren.

Das Phänomen
1964 stellte er sein Rennrad in die Garage. Täve studierte Sport, arbeitete unter anderem als Trainer. Heute radelt er nur noch an Wochenenden so um die 70 Kilometer durch die Gegend. Die Menschen lieben ihn noch immer: „Ich habe wohl einiges richtig gemacht. Ich habe nie vergessen, wo ich herkomme. Auch nicht, dass es die vielen kleinen Leute waren, die mithalfen, dass ich ins Trainingslager fahren konnte und jedes Jahr ein neues Rad bekam. Und dann sah ich mit meinem lockigen Haar ja auch ganz gut aus“, sagt Täve schmunzelnd.

Reif fürs Museum
Kein Wunder, dass sich zu Zeiten seiner Karriere die Fanbriefe stapelten: „Viele Frauen schrieben mir, schickten Fotos. Sogar Heiratsanträge. Auch heute noch flattern Autogrammanfragen ins Haus.“ Rund 6000 Briefe haben sich im Laufe der Jahre angesammelt. Ebenso Pokale, Medaillen, Urkunden, Trikots, Fotos, Plakate - einfach alles, was das Herz des Radsportfans höher schlagen lässt. Zu bestaunen ist das und noch vieles mehr im »Friedensfahrtmuseum« in Kleinmühlingen im Landkreis Schönebeck. 2002 wurde es auf 50 Quadratmetern eröffnet. Es platzt mittlerweile aus allen Nähten. Der Grundstein für den Neubau ist gelegt. Doch rund 150000 Euro fehlen noch, um Täves Traum von einem richtigen Museum zu verwirklichen. Auf 220 Quadratmetern Ausstellungsfläche sollen die Dokumente des größten Amateurrad-Rennens der Welt schon im nächsten Jahr zu bestaunen sein. Jetzt sind Sie gefragt, liebe Leser. Täve freut sich zu seinem 75. Geburtstag über jeden Gruß. Aber noch mehr freut er sich über Spenden für das Museum.

Allmuth Schaarschmidt
http://www.super-illu.de/leute/superstars_58921.html





Mittelstands Anzeiger


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Mittwoch, 22. März 2006, 20:28

Hier noch mal Täve und Walther

Mittelstands Anzeiger


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