Große Pläne: Unternehmer aus Sachsen-Anhalt will riesigen Nazi-Ferienbau auf Rügen sanieren
von Steffen Höhne, 19.11.06, 21:33h, aktualisiert 19.11.06, 22:04h
Osterburg/Prora/MZ. Grau, verfallen und erschreckend mächtig stehen die fünf Betonklötze in der Landschaft. Die Blöcke, jeder 500 Meter lang, erheben sich hinter den Dünen am Ostseestrand in Prora auf Rügen. Im Auftrag der Nationalsozialisten sollten hier einst gigantische Erholungsheime entstehen - das "Seebad der 20 000". Als Feriendomizil für die "Volksgenossen" diente der 1936 begonnene Bau aber nie. Zu DDR-Zeiten wurde der Gebäudekomplex von der Armee genutzt, das Gelände war militärisches Sperrgebiet. Nach der deutschen Einheit wurde zunehmend die Frage diskutiert, wie der Gigant aus Beton sinnvoll genutzt werden kann.
Der Bauunternehmer Dieter Zeuke aus Sachsen-Anhalt und der Berliner Immobilien-Makler Ulrich Busch wagen nun einen neuen Anlauf, zumindest einen Teil des seit 1994 unter Denkmalschutz stehenden "Koloss von Rügen" wieder mit Leben zu füllen. Der 42-jährige Busch, Sohn des Arbeitersängers und Nazi-Gegners Ernst Busch, studierte Medizin und reiste noch im Februar 1989 aus der DDR aus. Als Immobilienentwickler hat er sich einen soliden Ruf erworben. Zeuke ist Geschäftsführer der Firma Ostbau in Osterburg (Landkreis Stendal) mit 330 Beschäftigten. Das 1993 gegründete Unternehmen des 53-Jährigen hat an einigen größeren Objekten an der Ostseeküste mitgebaut, wie etwa dem neuen Radisson SAS Hotel.
Beide Unternehmer entwickelten zusammen Immobilien. Beide eint die Begeisterung für ihr Mega-Vorhaben. "Die Blöcke haben eine super Lage, an einem der schönsten Strände Deutschlands", meint Zeuke. "Es gibt nicht mehr viele freie Plätze an der Ostsee, wo ein solches Projekt möglich ist", sagt Busch. Über die neu gegründete Prora Projektentwicklungs GmbH erwarben sie die Blöcke I und II - der Haushaltsausschuss des Bundestages muss dem Kauf aber noch zustimmen. Insgesamt 540 Wohnungen wollen sie in den beiden Blöcken unterbringen: Sie sollen als Ferien- und Mietwohnungen oder für betreutes Wohnen genutzt werden.
Die Kosten für die Sanierung schätzt Busch auf 20 Millionen Euro pro Block. Viel Geld. Wegen des desolaten Zustandes des Stahlbeton-Baus muss der Innenbereich der Häuser komplett erneuert werden. Verschlucken will sich Zeuke nicht an dem Großprojekt. Die ersten Gäste sollen schon zur Saison 2008 in Prora Urlaub machen können. Bis 2010 soll der Umbau beendet sein. Eine Ablehnung des "Nazi-Baus" durch die potentiellen Kunden befürchten die Unternehmer nicht. "Die Leute gehen doch auch gern ins Berliner Olympiastadion", sagt Zeuke. Eher biete die Historie eine zusätzliche Attraktion. "Schon heute besuchen in Prora jährlich 220 000 Menschen die Museumsmeile im Haus III", so Busch. Ein Teil der Museen soll ins Erdgeschoss des neuen Objektes umziehen. Daneben soll es eine eigene Geschäftsmeile mit Restaurants, Schwimmhalle, Bowlingbahn und Sportanlagen geben.
Im benachbarten Binz werden die Pläne für die Mega-Immobilie allerdings mit Skepsis verfolgt. Hoteliers fürchten weniger die Konkurrenz als vielmehr den Status des eher mondänen Seebades, wenn zu viele Besucher die Promenaden "überrennen". Horst Schaumann, Bürgermeister von Binz: "Mehr als 3 000 Betten werden für den Gesamtkomplex nicht genehmigt." Daran scheiterten bisher alle Privatisierungspläne.
Doch scheint sich nun eine Lösung abzuzeichnen: Block III, wo bisher die "Museumsmeile" untergebracht war, soll zu einem Sporthotel entwickelt werden. Block V wird zur Jugendherberge umgebaut. Allein Block IV bliebe ein nutzloser Gigant - wenn die großen Pläne von Zeuke und Busch für die Blöcke I und II aufgehen.
Die Luftaufnahme zeigt einen Teil des an der Binzer Bucht gebauten einstigen «Kraft-durch-Freude»-Urlauberortes Prora auf Rügen. Hier wollten die Nationalsozialisten die weltweit erste Anlage für den Massentourismus schaffen. Das «Seebad der 20 000» wurde jedoch nie vollendet. In der DDR wurde der Gebäudekomplex militärisch genutzt. Nun wagen sich die Unternehmer Dieter Zeuke und Ulrich Busch an den leer stehenden Koloss. (Foto: dpa)